Proleten. Arbeitsvieh.

Seit Beginn des neuen Semesters wurde jedes Unterrichtsfach in Doppelstunden gehalten. Mit Ausnahme von Religion, was keinen störte. Und Musik, was jeden störte, weil Viktor Henning, den wir alle Hendrix nannten, ein cooler Typ war, der uns Schallplatten vorspielte, statt uns mit Volksliedern zu quälen wie sein Vorgänger. Manchmal nahm er seine Gitarre mit und wir übten Songs von Cat Stevens und den Beatles im Chor.

Werken und Turnen war nach Geschlechtern geteilt, wobei die Burschen mit Jakubek die Arschkarte gezogen hatten. Wir Mädchen hatten die Anastasova, eine Berufssportlerin aus Russland, die von dort abgehauen war. Flach wie ein Brett, kein Arsch, keine Titten, aber was die mit ihren langen Beinen anstellte am Reck, das war echt geil. Die Wiesinger unterrichtete neben Geografie auch Handarbeiten für uns Mädchen, für die Burschen tat das Karl Mayer, der Schulwart, der sie – was für ein Schwachsinn – jedes Jahr ein Vogelhaus bauen ließ. Preuß lehrte Mathematik, Physik und Chemie. Biologie wurde uns von Hilde Fellner beigebracht, die ständig über ihre Beobachtungen von Graureihern erzählte, was ihr den netten Spitznamen Vögellehrerin einbrachte. Englisch hatten wir beim alten Schmidt, den wir Mister Smith nannten und liebten, weil er uns mit Grammatik weitgehend verschonte und stattdessen Tom Sawyer im Original vorlas.

So unterschiedlich unsere Lehrer waren, eines war ihnen allen bewusst: Sie unterrichteten Kinder, deren Leben schon festgeschrieben war, als sie noch in den Bäuchen ihrer Mütter lagen. Bloß Jakubek sprach es klar aus: »Ihr seid Proleten. Nur als Arbeitstiere für die Fabriken zur Welt gekommen.« Und sollte es wirklich wer schaffen, aus diesem Teufelskreis auszubrechen, bestätigte er als Ausnahme der Regel doch nur diese Regel selbst.

Nicht dass sie uns schlecht behandelt hätten. Mit Ausnahme von Jakubek waren die meisten von ihnen umgängliche Leute, aber keiner riss sich ein Bein aus, damit aus uns etwas Anderes wurde, als unsere Eltern schon waren – Arbeiter und Bauern. Nur wenige von uns waren Kinder von Angestellten oder Selbständigen, und für die stand es fest, dass sie nach der Hauptschule weiterführende Schulen besuchten. Doch um in diese zu kommen, brauchte man einen Notendurchschnitt, den kaum wer erreichte, dessen Eltern nicht gebildet genug waren, ihnen beim Lernen zu helfen, oder kein Geld für Nachhilfeunterricht hatten.

Hendrix hatte uns mal einen Song von einer Band namens ›The Animals‹ vorgespielt, er hieß We Gotta Get Out of This Place. Ich mochte die Musik auf Anhieb, vor allem den wummernden Bass am Anfang, den ich mehr mit dem Bauch wahrnahm als mit dem Kopf. Ich achtete nicht sehr auf den Text. Ganz anders Robert. Als wir an diesem Tag nach Hause fuhren, sagte er zu Stefan und mir: »Habt ihr das mitbekommen, was uns Hendrix heute beigebracht hat? Dieses Lied. We gotta get out of this place

»Der Song war toll, ja, aber was genau meinst du?«

»Den Text! Habt ihr denn nicht den Text verstanden?«

Wir sahen ihn blöd an und er sagte den kompletten Text auf, obwohl er ihn nur ein einziges Mal gehört hatte: von einer dreckigen Kleinstadt, in der die Sonne nie scheint, und wo nichts einen Sinn ergab, weil man tot sein würde, noch bevor die Zeit um war.

Ich hatte keine Mühe, die Worte, die er in Englisch gesagt hatte, zu übersetzen, kapierte aber nicht, worauf er hinauswollte.

»Versteht ihr denn nicht?«, flehte er fast, »Das sind wir, von denen die Animals singen! Der Song ist für uns!« Und dann sang er den Refrain, dass man wegmusste von diesem Platz und wenn es das Letzte war, was man tat und dass es einen besseren Platz gab für sein Mädchen und ihn.

Für eine Sekunde oder ein Jahrhundert stand die Welt still, weil ich dachte, er meinte mich mit seinem Mädchen. Und vielleicht war es auch so, doch ich sagte: »Wo soll denn der sein, dieser bessere Platz? Und wie soll das gehen, rauskommen von hier?«

Er schwieg für einen Moment, dann sagte er: »Entweder mit Geld, das wir nicht haben, oder mit Bildung, die wir hier nicht kriegen.«

»Du klingst schon wie ein Lehrer«, erwiderte ich, »Wer sagt überhaupt so einen Scheiß?«

»Der alte Swoboda. Und weißt du was? Ich glaube ihm!«

Bildung, Mann! Wir mussten froh sein, wenn wir eine Lehrstelle bekamen und dann auf einer Baustelle oder in einem Frisiersalon arbeiteten. Wir würden nur so viel verdienen, dass wir die nächste Woche wieder arbeiten konnten und dann die nächste Woche und die darauf und ewig so weiter. Die Männer würden den Frauen dicke Bäuche machen und die bekämen Kinder und der ganze Stuss setzte sich in der nächsten Generation fort. Wir waren Proleten, Arbeitsvieh. Da änderte keine Bildung was dran.

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