
Christian Luksch wuchs in den 1960er- und -70er-Jahren als Kind einer alleinerziehenden Fabrikarbeiterin auf und schrieb bereits als Jugendlicher Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke. Nach einer 40-jährigen Karriere als psychiatrischer Krankenpfleger legt er hiermit sein Romandebüt vor. Er hat zwei erwachsene Kinder, lebt mit seiner Frau in Niederösterreich und arbeitet ehrenamtlich an einer Mittelschule als Lesepate.
Interview mit dem Autor
Herr Luksch, erstmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Romandebüt. Was für eine spannende Geschichte! Und was für ein wilder Ritt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Danke schön. In der Tat ging es da quer durch den historischen Gemüsegarten von 1918 bis 2025. Den Ausschlag gab das Schicksal von ukrainischen und polnischen Zwangsarbeiter:innen, die es in den Kriegsjahren auch in dem Ort gab, in dem ich aufgewachsen bin, und das erst 70 Jahre nach den Geschehnissen aufgearbeitet wurde.
Also ein Tatsachenroman?
Nicht unbedingt. Die Zwangsarbeiter:innen in meinem Heimatdorf entgingen dem Schicksal jener in meinem Roman. Und außerdem sind diese, in dem Roman fiktiven, Vorkommnisse ja nur der Auftakt zu dem, was Gabi und ihre Freunde 30 Jahre danach erleben.
Stimmt. Der Großteil Ihres Romans spielt ja 1975. Auch Sie waren in dieser Zeit ein Jugendlicher. Wieviel ist da selbst erlebt und wieviel erfunden?
Eine befreundete Autorin hat auf diese Frage mal geantwortet: „99% erfunden und 99% selbst erlebt.“ Ich glaube, das trifft es ziemlich exakt. Alles was ein:e Schreibende:r aufschreibt, hat er:sie selbst in irgendeiner Form erlebt und bringt das mehr oder weniger verschachtelt nun zu Papier. Das ist ein Bedürfnis, wie atmen oder essen. Anders kann authentische Literatur gar nicht entstehen.
In der Tat ist die Authentizität bemerkenswert. Vor allem, weil hier ein doch schon reiferer Herr von vierundsechzig Jahren aus der Perspektive eines vierzehnjährigen Mädchens schreibt.
Ja, ich gebe zu, dass das etwas ungewöhnlich erscheint. Aber es ist nicht wirklich schwieriger als über einen alten Mann zu schreiben. Wesentlich dabei ist die Empathie und die kann man lernen. Hier kam mir vor allem meine Erfahrung als psychiatrischer Krankenpfleger zugute.
Gabi und ihre Freunde sind allesamt Opfer häuslicher Gewalt, die Täter sind durchwegs die Stiefväter. Haben Sie Ähnliches als Kind erlebt?
Nein, Gott sei Dank hat mich meine Mutter mit einem Stiefvater verschont, und so blieb mir auch physische Gewalt erspart. Aber strukturelle Gewalt habe ich als Kind einer Arbeiterin sehr wohl verspürt. Mir ging es in der Geschichte aber nicht darum, meine eigenen Gewalterfahrungen zu beschreiben, sondern jene, denen wir alle unterworfen waren – die Frauen und Kinder in erster Linie.
Die Frauen in Ihrem Roman sind durchwegs positiv und stark besetzt - selbst das Biker-Girl Lilli und Silvia, die beide nicht einfach zu handeln sind - während die Männer schwach oder brutal erscheinen. War das wirklich so?
Ist es auch heute in weiten Teilen noch. Frauen sind das stärkere Geschlecht. Dass sie nach wie vor unterdrückt und übersehen werden, ändert gar nichts daran und ist meiner Meinung nur ein weiteres Zeichen der männlichen Hilflosigkeit. Tut mir leid, das zu sagen, aber so ist das nun mal.
Sind Sie ein Feminist?
Selbstverständlich. Jeder anständige Mann ist ein Feminist.
Neben dem feministischen Aspekt kommt in Ihrem Roman auch jener der Queerness zu tragen. Warum?
Das ergab sich ganz logisch aus der Geschichte Gabis. Aber ich muss zugeben, dass mir genau das die meisten Probleme bereitet hat. Zum einen, weil ich mich als alter weißer Cis-Mann nur sehr beschränkt in die Gefühls- und Gedankenwelt einer jungen queeren Frau einfühlen kann, zum anderen , weil mir das überhaupt nicht gepasst hat, dass Gabi auch am anderen Ufer wildert. Das war ein echtes Problem für mich, das bis zu einer sechs Monate dauernden Schreibblockade führte. Aber schließlich lernte ich es zu akzeptieren.
Sie hätten ihre Protagonistin aber auch anders konzipieren können, oder?
Nein, hätte ich nicht. Oder hätte ich vielleicht schon, aber dann wäre es nicht das geworden, was es nun ist. Ich glaube nämlich nicht, dass man einen guten Roman von vorne bis hinten und bis ins kleinste Detail durchplanen und plotten kann, ohne auf die Authentizität zu verzichten. Da entsteht nur literarisches Fastfood daraus. Das kann und will ich nicht.
Das heißt, Sie haben die Geschichte nicht in ihrem Verlauf, in den Nebensträngen, den Spannungsbögen und der Charakterentwicklung designt?
Nein. Hab ich nicht. Ich hab nur aufgeschrieben, was mir Gabi erzählt hat. Ich war wirklich nur ihr verlängerter Arm zur Tastatur. Das klingt verrückt und ist es sicher auch. Aber so war es.
Was war denn der ausschlaggebende Grund, dass Sie überhaupt zu schreiben begannen?
Nun, wie schon vorher gesagt, zum einen das Schicksal der ukrainischen Ostarbeiter:innen in meinem Dorf, zum anderen aber auch der Tod meiner Mutter. Ich verarbeitete den Verlust vorwiegend schreibend. Irgendwann dachte ich mir, man müsste das Leben der Frauen dieser Generation den nachfolgenden Generationen erzählen. Und da das Leben dieser Frauen sich immer um ihre Kinder drehte, eben auch das ihrer Kinder, also meiner eigenen Generation.
Die klassistischen und sexistischen Probleme in Ihrem Roman werden von einem knallharten Politthriller transportiert. Beim Lesen hatte ich mitunter den Eindruck, als ob John le Carré und Stephen King sich zusammengetan haben, um die Schatzinsel neu zu schreiben.
Oh, ich nehme das mal als Kompliment an, danke schön. Der politische Aspekt ergab sich einfach aus dem historischen Fakt der Geschichtsklitterung, die in Österreich in diesen Jahren vorherrschte. Anders als etwa in Westdeutschland kam es bei uns erst sehr spät, konkret mit der Waldheimaffäre, zu einer Aufarbeitung des Hitler-Faschismus. In meiner Jugend wurde darüber nie gesprochen, es herrschte ein implizites Verbot, darüber zu reden. Unserem Bedürfnis mehr über das Leben unsere Eltern und Großeltern in dieser schrecklichen Zeit – und wie es dazu kommen konnte – zu erfahren, wurde einfach nicht nachgegangen. Ein, wie ich glaube, nachvollziehbarer aber nicht nachsehbarer Akt des Selbstschutzes, dessen unerwünschte Nebenwirkung die Neue Rechte war.
Ist das denn notwendig, heute noch darüber zu reden oder zu schreiben?
Mehr denn je. Wer sich nicht an seine Vergangenheit erinnert, ist verdammt, sie noch einmal zu erleben. Und, seien wir uns mal ehrlich: Wir sind sehr nah dran. Der Schoß ist nicht nur noch fruchtbar, er hat schon längst wieder entbunden!
Und Sie? Gehen Sie bereits mit einer neuen Geschichte schwanger?
Netter Vergleich. Aber ja, tatsächlich geistern da schon ein paar neue Geschichten in meinem Kopf herum. Es gibt noch eine Menge zu erzählen, sicher.
Das heißt, wir werden vielleicht bald wieder etwas von Ihnen zu lesen bekommen?
Hoffentlich. Wenn mir die Göttin noch soviel Zeit lässt, auf jeden Fall.
Dann wünschen wir Ihnen erst mal viele Leser:innen für "Eine von denen" und freuen uns schon auf das nächste Werk. Vielen Dank!"
