Klare Ansagen

Wir waren mit Kralik in dieses Café gegangen, und das Erste, was ich dort tat, war, dass ich Silvia aufs Damenklo zerrte. »Jetzt hör mal zu«, herrschte ich sie an, »Dieser Typ da draußen ist gefährlich, so hübsch er auch ist. Egal was er jetzt sagt, was er fragt, was er über mich erzählt, du lässt mich reden, hast du verstanden?«

Sie grinste bis zu den Ohren. Hielt das Ganze wohl für so eine Art Theater wie bei Shakespeare, doch das hier war nicht Verona und der da draußen keiner von den Capulets. Das hier war das richtige Leben. Und der richtige Tod.

»Ob du mich verstanden hast?«, zischte ich sie an, und sie, noch immer voll auf Rollenspiel: »Ja, Herrin!«

Oh Göttin, ich hatte gute Lust, ihr eine zu scheuern, doch im Moment musste ich selbst schauspielern.

»Wieso gehen Mädels immer zu zweit auf Klo?«, wollte Kralik wissen, als wir zurückkamen. Ich ignorierte den blöden Spruch, nahm aber wahr, wie Silvia grinsend mit den Schultern zuckte.

Wir setzten uns, eine Kellnerin kam und ich bestellte zweimal Cola und Toast, ohne lange Silvia zu fragen, Kralik ein Bier. Er sah uns an, als wären wir Models auf einem Playboy-Poster.

»Was macht ihr in Sankt Pölten?«

»Wir waren shoppen«, erzählte Silvia.

»Wir sind mit ihrem Vater hier«, fügte ich hinzu, quasi als Warnung, was ihn nicht im Geringsten zu beeindrucken schien.

»Und? Habt ihr etwas Schönes gefunden? Hat sich ja recht interessant angehört, da hinter dem Vorhang!« Das Hübsche zog sich aus seinem Lächeln zurück und wich etwas Obszönem, das ich gut kannte.

»Klar!«, sagte Silvia, nahm dieses indische Kleid aus ihrer Tasche und hielt es ihm vor die Nase. Es war so dünn, dass ich seine Gesichtszüge durch den Stoff sah.

»Sexy! Für wen von euch beiden ist das?«

»Für mich«, erzählte Silvia, »Gabi hat einen Gürtel genommen. Leder passt besser zu ihr!« An Kraliks Grinsen konnte man sehen, welcher Film in seinem Kopf ablief. »Aber bezahlt hat sie ihn nicht!«, fügte sie hinzu.

Scheiße! Ich hatte tatsächlich vergessen, das Teil zu bezahlen, weil es ja noch in meiner Jean gesteckt war, als wir an der Kasse standen. »Mir doch egal«, sagte ich, »trifft eh keinen Armen.«

»Da hast du recht!«, bemerkte er, »Die Handelskette gehört einem Juden, der durch Finanzspekulationen groß geworden ist. Das ist wirklich kein Armer.«

Ich schämte mich, dass ich ihn eben in seinem Judenhass bestätigt hatte, wenn auch nur unbeabsichtigt.

 »Du gefällst mir, Gabi. Hast unter deinen roten Haaren, was deine Freundin in ihrer Bluse hat!«

›Ich kacke auf solche Komplimente‹, schoss es mir in den Kopf, sagte aber: »Na gut, dass du das auch siehst!«

Unser Toast kam. Silvia verzog das Gesicht. »Mag ich nicht«, sagte sie. Und ich: »Du tust, was ich dir sage, und isst, was ich dir bestelle!«

Sie war überrascht von meinem Tonfall, vielleicht gefiel ihr das aber auch, jedenfalls gehorchte sie. Kralik, der mich mit seinen Augen genauso fixierte wie ich ihn, schien das geil zu finden.

»Manche brauchen klare Ansagen«, sagte ich und er nickte. Wusste ich doch, dass er auf diese Macho-Scheiße abfuhr.

»Waren das deine Eltern, letztens in Buchenberg?«

Silvia sah mich blöd an, ich trat unterm Tisch gegen ihr Bein und hoffte, ihr Verstand galt nicht nur der Chemie!

»Yep. Und mein Opa und mein Bruder.« Sie glotzte wieder.

»Was?«, schnauzte ich sie an, »Iss auf und gib Ruhe!«

»Ist ungewöhnlich, Leute aus Stetten in so einem feinen Restaurant zu sehen«, bemerkte Kralik.

»Oder Soldaten«, konterte ich.

Er ging nicht näher darauf ein, und was ich zu meiner Anwesenheit dort zu sagen hatte, schien ihm zu genügen. Kelemens Plan, dort einen auf Familie zu machen, war aufgegangen.

»War eine Einladung von meinem Onkel«, log er.

»Und bei mir eine von meinem Opa«, log ich zurück.

Er betrachtete mich eine Weile wie ein exotisches Tier, dann fragte er: »Hast du einen Freund?«

›Wow‹, dachte ich, ›mich baggert ein Nazi an, kann bitte wer auf die Stopptaste drücken?‹ Ich dippte den Toast in das Ketchup, es sah aus wie ein dicker Tropfen Blut.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung