Wir wollten nach Thiersdorf und den Samstag auf der Insel verbringen. Bis weit in den Abend hinein. Sabine hatte Wochenenddienst und Stefan kam mit. Es war einer dieser Tage, an denen es bereits vormittags so heiß war, dass man am liebsten nicht mehr aus dem Wasser kam. Um zehn fuhren wir los, vorbei an der Schule, die wie ein schlafendes Tier da lag und auf sein Erwachen im September wartete. Aber diesmal ohne uns. Am Ortsende von Eichenau, bei der Zufahrt zum Fährmannshaus bremste ich.
»Was ist jetzt?«, fragte Robert ungeduldig.
»Ich will dort rein!«
»Bist du blöd? Warum?«
»Ich weiß nicht. Ist nur so ein Gefühl. Als ob da drin was auf mich wartet.«
»Kralik oder wer.« Es war keine Frage.
Ich antwortete auch nicht. Tatsächlich war es eine Art Hingezogen-Werden zu der alten Ruine, das ich mir nicht erklären konnte. Aber manchmal muss man solchen Gefühlen nachgehen, beschloss ich. Und ging los. Robert und Stefan folgten mir. Mein Herz klopfte bis zum Hals.
Die Paletten mit den Zementsäcken waren noch da. Ich ließ sie links liegen und ging schnurstracks in den Schuppen, den die Nazis als Schießstand benutzt hatten. Nichts. Nur die Tische, auf denen die Waffen und der Tourenplan des Wahlkampfs gelegen waren. Sonst gähnende Leere. Kelemens Leute hatten ganze Arbeit geleistet.
Ich verließ die Bretterbude und ging in das Haus.
»Muss das sein?«, fragte Robert wieder. Ich spürte seine Abscheu fast körperlich.
»Ja, muss sein«, antwortete ich. Ich hoffte, dass ich nicht mehr von diesem Haus träumen würde, wenn ich es einmal in Wirklichkeit betreten hatte.
Es war ein Abbruchhaus, wie jedes andere. Dreckig, leer und halbverfallen. In der Stube im unteren Geschoss stand ein Ofen, das Rohr aus der Wand gerissen. Die Fenster waren zerschlagen, ein Flügel aus den Angeln gefallen, Spinnweben, Rattenscheiße, Staub.
»Bist du jetzt bald fertig?«, drängte Robert noch einmal. Es war ihm sichtlich unangenehm, an den Ort zurückzukehren, an dem er gefoltert worden war.
»Noch nicht ganz.« Ich ging auf die schmale Holztreppe zu, die mir eben erst ins Auge gesprungen war. Sie knarrte unter meinen Füßen. Irgendwie gespenstisch, wenn ich an Geister geglaubt hätte. Aber selbst wenn es solche gab: Schlimmer als Menschen konnten sie gewiss nicht sein.
Nach der Treppe eine Tür, schwer zu öffnen. Ich schob mich durch, die Burschen folgten. Vor uns ein großer leerer Raum. Auch hier zerschlagene Fenster. Alles voll Vogeldreck. Ich trat ein wenig vor zur Raummitte, die in meinem Traum immer durchgebrochen war. Der Boden knarzte und schwang ein bisschen. Ich trat bewusst vorsichtig auf. Meine beiden tapferen Begleiter blieben am Rand des Raumes stehen. Ich erreichte die Mitte, wippte mit den Füssen auf und ab, dann hüpfte ich. Erst nur ganz leicht, auf den Zehenspitzen, dann fester, stampfte auf den staubigen Boden. Er hielt, brach nicht durch. Nur eine Taube schreckte auf, flatterte hin und her und fand schließlich ein offenes Fenster. Ich blickte hoch.
Genau durch die Mitte des Obergeschosses, auf das der Dachstuhl gesetzt war, ging der breite Giebelbalken. Ich folgte seinem Verlauf und sah etwas darauf liegen, das hier nicht hinpasste: ein Stück blaue Plastikfolie.
» Langer«, rief ich Stefan zu, »komm her und heb mich hoch!«
Zaghaft kam er, bückte sich, damit ich mich auf seine Schultern setzen konnte, und stand auf. Nun sah ich auf den verstaubten, von Taubendreck übersäten Balken. Vor mir lag ein Sack, der mit der Öffnung voran über einen anderen gestülpt war. Ich griff danach. Und wusste, noch bevor ich ihn herunten hatte, was darin war: Kraliks Sportbogen samt Pfeilen.
»Du willst das echt behalten?«, fragte Robert, als ich mich aufmachte, damit aus dem Haus zu kommen.
»Jepp«, antwortete ich knapp.
»Das Ding wird sicher von den Polizisten gesucht!«
»Eben darum.«
Mit offenem Mund sah er zu Stefan, doch der wusste ebenso wenig von meinen Schießübungen bei den Nazis wie Robert. Ich hatte ihnen nichts davon gesagt. War besser so.
Auch Harald staunte über meinen Fund. Als ich ihm den Bogen zeigte und ihn alle einmal durchgespannt hatten – Stefan mit Skepsis und Robert fast mit Ekel – sagte Harald: »Wartet mal. Ich muss euch auch etwas zeigen.«
Er verschwand in seiner Dachkammer und kam bald wieder mit der überlangen Sporttasche, die er in Wien mitgehabt hatte. Er öffnete den Reißverschluss an der Oberseite, griff hinein und zog diesen Säbel hervor, mit dem ich damals auf den Hund des Numismatikers losgegangen war.
»Du hast den Scheiß mitgenommen?«, rief ich aus, »Ich dachte, der wäre in dem Hof, in dem wir uns versteckt haben, geblieben?«
»Ich hab mich in der Nacht aus dem Heim geschlichen und ihn geholt«, gab er grinsend zu, »Sowas kann man ja nicht in den Müll schmeißen.«
Robert schüttelte den Kopf. »Ihr seid ja alle komplett durchgeknallt! Fehlt nur, dass ihr Lederers Pistole auch geladen habt.«
Harald sah mich an und ich versuchte mein »Ich-weiß-von-gar-nichts«-Gesicht zu machen. Er sah nach seiner Mutter und den Kleinen, dann zogen wir los. Mitten in einen Krieg, der längst vorbei und doch noch nicht zu Ende war.
